DZ BANK [KUNSTSAMMLUNG]

Untitled (Exterior Apartment Door with Nameplate and Peephole, 1938) (Detail)

Robert Longo, Untitled (Exterior Apartment Door with Nameplate and Peephole, 1938) (Detail), 2000/2003, Aus der Serie: The Freud Cycle

FOTOGRAFIE AN DEN RÄNDERN DER REALITÄT

Die Brüchigkeit dessen, was wir Realität nennen, das spannungsvolle Nebeneinander von Hellem und Dunklem, von Fantastik und Rationalität, das Einbrechen des Unheimlichen und Bedrohlichen durch die Fugen unserer fest gefügten Wirklichkeit fundiert wesentlich das prekäre Miteinander von Kunst und Welt.

Die Durchlässigkeit der scheinbar so klar geschiedenen Kategorien und Territorien, die subtile Differenz von Innen und Außen, von Irrealem und Alltäglichem macht die Welt in einer Weise lesbar, die sich von der Oberfläche ab- und den unbekanntem Tiefen unserer Traum- und Wunschwelt zuwendet. Wobei nicht erst seit der Schwarzen Romantik, die Faszination am Abgrund und am Anderen eine der wesentlichen Stimulanzien war.

Seit den Weltgerichtsdarstellungen des frühen Mittelalters ist eines überdeutlich: die Hölle ist dem Paradies zumindest ästhetisch in jedem Fall vorzuziehen. Anstatt der elegischen Einfalt, mit der sich die Seligen in sittsamen Reihen der Himmelspforte nähern, liefern Fegefeuer, Tod und Teufel allemal die interessanteren Bilder. Und so zieht sich über Hieronymus Bosch, Peter Breughel d. Ä., Arcimboldo, Giovanni Battista Piranesi und Johann Heinrich Füßli eine oftmals unterschätzte Traditionslinie des Abseitigen und Alptraumhaften, der Faszination am Bedrohlichen und an der Zerstörung bis an den Vorabend der Moderne – und darüber hinaus bis in die Kunst und Fotografie unserer Gegenwart.

Was als didaktisches Instrument im Kampf um die gottesfürchtige Seele, als drastischer Spiegel einer bedrohlichen Lebensrealität begann, entwickelt sich im Laufe der Jahrhunderte zu einem spannungsreichen und produktiven Gegenpol zur Bilderwelt des Wahren, Guten und Schönen. Und so betitelte Francisco de Goya 1799 sein wohl berühmtestes Capricho, in dem der schlafende Protagonist aus der Realität – dem Zeitalter der Aufklärung – in seine eigene Traumwelt flüchtet: „El sueño de la razón produce monstruos“ – der Traum der Vernunft gebiert Monster. Und natürlich wird der Schlafende gerade dort, im Reich der Träume, von der alptraumhaften Schattenseite des Zeitalters der Vernunft eingeholt. Dass im Spanischen „sueño“ gleichermaßen Traum und Schlaf bedeutet, eröffnet eine produktive und stilbildende Ambivalenz zwischen aufklärerischem Aufbruch und Rationalitätskritik.

Die Welt des Traumhaft-Unbewussten, die untrennbar mit Rationalität und Moderne verbunden scheint, wird somit schon hier quasi in Vorwegnahme Sigmund Freuds, Salvador Dalís oder Francis Bacons als wesentlicher Stimulus der Kunst der Neuzeit eingeführt.

Die 14 unter dem Titel DARK SIGHTS zusammengeführten Künstler, bis auf einen klassische Fotografen, nähern sich dem komplexen Beziehungsgeflecht aus Abgrund und Fantastik, brüchig werdender Realität und Alptraum sowohl inhaltlich wie medial aus verschiedensten Richtungen. Sie lassen einen vielschichtigen, diskursiv sich verschränkenden Ausstellungsparcours entstehen, der suggestive Film-Settings, alptraumhafte Räume, Dokumentarisches und Biografisches, Schönes und Hässliches verbindet.

In unterschiedlicher Weise entwerfen sie suggestive, den Betrachter einnehmende Bild- und Gedanken-Räume. Ohne einer oberflächlichen Ästhetik des Schocks anheimzufallen, entwickelt sich eine Dramaturgie des Dunklen und Geheimnisvollen, aus Un-Heimlichem und Bedrohlichem, die vom Betrachter und seinen Sinnen in vielfältiger Weise Besitz ergreift. Verschattete, in ihrer inhaltlichen wie traumlogischen Struktur nur zögerlich sich erschließende Gegenwelten werden entworfen, deren Realitätsentwürfe zwischen Logik und Fantastik, zwischen Licht und Schatten changieren.

Zwischen Realität und Imagination entstehen multiple Konstruktionen eines Ichs, das bekanntlich doch immer ein anderer ist; entstehen Weltentwürfe, die sich von sich selbst und ihrer Umwelt im besten Sinne des Wortes abspalten: Ihr Innerstes nach außen kehrend dringen wir in die Grenzbereiche der menschlichen Psyche und unser Umwelt ein, die sich als erschreckende und zugleich betörend suggestive Bildwelten entdecken lassen. Das Andere, der Normalität Sich-Entziehende, die sich aufspaltende und subjektiv neu interpretierte Realität, wird so zum ästhetisch-produktiven Reservoir und das Abgründig-Abseitige, die ‚Nicht-Orte‘ der Psyche und des Alltags, zum unerschöpflichen kreativen Potenzial.

MARTIN ENGLER
SAMMLUNGSLEITER GEGENWARTSKUNST
STÄDEL MUSEUM

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